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Eine Blume im Himmel

Stella hat es nach Hampton-In-Arden verschlagen, ein Dorf in den Midlands, mitten in England. Auch diesmal hat sie im Village Pub „White Lion“ ein Zimmer gebucht. Sie liebt diesen Pub. Immer, wenn sie eine Geschäftsreise nach Birmingham unternimmt, ist genau das der Ort, wo sie nach einem anstrengenden Arbeitstag ihre Ruhe findet. Mit dem Taxi vom Airport ist er in exakt zehn Minuten zu erreichen. Vorausgesetzt, sie versäumt es nicht, dem Taxifahrer rechtzeitig den Schleichweg über die Shadowbrook Lane anzusagen. Wenn sie nach Birmingham fährt, wo die meisten Geschäftstreffen stattfinden, nimmt sie den Zug.

Stella genießt es, auf ihren geschäftlichen Reisen an einem Ort zu wohnen, den sie kennt. Es verursacht ihr weniger Stress, davon hat sie tagsüber schließlich genug. Kein Check-in, keine Ausweiskontrolle, kein Kreditkartencheck. Stattdessen eine herzliche Umarmung von Math, dem Chef, der ihr gleich den Zimmerschlüssel in die Hand drückt. Am Nachmittag ist noch nicht viel los hier. Es beginnt leicht zu schneien und die Gaststube füllt sich langsam. In den Fensternischen, vor den weißen Sprossenfenstern, versammeln sich Pärchen auf einen Feierabenddrink. Einige Männer nehmen an der Bar Platz. Sie genießen ein Pint und unterhalten sich angeregt. Auf der Theke stehen unzählige geöffnete Rotweinflaschen und ein silberner Kühler, der bis an den Rand mit Eis gefüllt ist. Französische und argentinische Weißweine werden bis zur vollständigen Geschmacksneutralität hinunter gekühlt. Nach einem kräftezehrenden Tag, proppenvoll mit Meetings, geniest es Stella, wenn Math sie mit rauchiger Stimme und einem Lächeln begrüßt. „Hello Dear – have you had a good day? Oh! Come on …“ und schenkt ihr einen frischen Cider ein. Jedesmal, wenn sie ihn anschaut, ist sie von seinen schrumpeligen Gesichtsfalten völlig fasziniert. Was für ein Geschenk, denkt sie dann. Nicht eines von diesen aalglatten Gesichtern, wie man sie in Fitnessstudios oder irgendwelchen Männermagazinen sieht. In dem alten Gemäuer scheint die Decke dicht über ihr zu schweben und sie muss ihren Kopf einziehen, um von einem zum anderen Raum zu gelangen. Sie entscheidet sich für den abgewetzten Sessel in der Ecke. Darüber hängt ein gewaltiger Spiegel an einer türkisfarbenen Wand. Auf den Tischen stehen Weinflaschen, in denen Kerzen stecken, die dick mit rosa Wachs getropft sind. Es breitet sich eine fröhliche, entspannte Atmosphäre aus.

An der Kreidetafel im Restaurant findet sie schnell etwas leckeres: „Steak and Kidney Pie with chips“, für 14,95 Pfund. Mmmmh lecker, denkt Stella und das Wasser läuft ihr im Munde zusammen. Danach noch einen „Mincemeat Custard Pie“ und einen Espresso, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Mit einem spannenden Krimi und einem eisgekühlten Chardonnay verzieht sie sich auf ihr Zimmer. Ich werde schlafen wie ein Murmeltier, sind ihre letzten Gedanken und löscht das Licht.

Es ist früh am Morgen, Stellas Zug fährt erst in einer Stunde. Sie läuft den schmalen Weg von ihrem Zimmer, was in einem Seitentrakt des Gebäudes liegt, in den Pub hinüber. Bevor sie sich am Frühstücksbüffet bedient, schnappt sie sich einen heißen, frisch duftenden Kaffee und marschiert wieder nach draußen. Ohne ein paar Sonnenstrahlen im Garten, wie sie es von zu Hause gewohnt ist, möchte sie nur ungern in den Tag starten. Der Friedhof gegenüber scheint genau der richtige Ort zu sein, einen anderen Garten gibt es hier nicht. Tief durchatmen und sich gedanklich auf den Tag einstimmen, das geht mit einer Tasse Kaffee am besten. Sie schlägt ihren Mantel dicht übereinander und bindet ihn mit dem Gürtel fest um ihren Körper, den Schal wickelt sie zweimal um ihren Hals. Ihr Atem haucht weiße Wölkchen in die sonnige Winterluft. Vom leichten Schneefall am gestrigen Abend sieht die Landschaft aus, als hätte man sie mit Puderzucker bestäubt. Auf einem großen Holzschild neben dem Eingang steht „Parish Church St. Mary and St. Bartholomew“. Eine friedliche Stimmung breitet sich in ihr aus. Englische Friedhöfe üben auf Stella eine magische Anziehungskraft aus. Sie sind etwas Besonderes. Sie besitzen eine Ausstrahlungskraft und vermitteln ein Gefühl von Frieden. Auf heimischen Friedhöfen hat sie das bisher nicht gespürt. Ihre Gräber zieren Grabsteine, Kreuze, Platten oder lebensgroße Engel, die auf einer grünen Wiese scheinbar völlig ungeordnet stehen, umgeben von moosdurchzogenem Gras. Viele der alten Grabsteine berichten von Seefahrern und Wanderschaften.

Am liebsten möchte Stella ihre Schuhe ausziehen und barfuß weiterlaufen, doch es ist hundekalt an diesem Morgen und der Boden ist gefroren. Hohe Bäume mit ausladenden Kronen scheinen die Ruhe von oben zu bewachen. An manchen Grabsteinen rankt Efeu empor. Auf den Gräbern sind erste glitzernde Kugeln, Engel und Tannenzweige dekoriert. Ilexe leuchten mit roten Beeren aus der Ferne. Krähen schreien vom Kirchturm hinunter, an dem goldene römische Ziffern auf blauem Ziffernblatt in der Sonne glitzern. Stella setzt sich auf eine Holzbank. An der Lehne ist eine kleine Messingtafel angebracht „In loving Memory of Julie Maryann Nethercoat 1897 – 1998”. Mit geschlossenen Augen saugt sie die frische Morgenluft tief in ihre Lungen und schickt einen stillen Gruß mit einem leisen „Thanks Julie“ gen Himmel. Mit beiden Händen umklammert sie ihre heiße Tasse, die ihre kalten Finger wärmt.

Direkt neben der Bank blickt sie auf ein kleines Grab. „Francis Jennifer Hurst“ lautet der Name der Inschrift. Wenn sie mich jetzt sieht, wie ich mit meiner Kaffeetasse hier sitze und auf sie hinunter schaue. Was wird sie nur von mir denken? Schnell entscheidet sie sich für eine positive Variante ihrer Gedanken. „Hallo Stella“, hört sie eine zarte Kinderstimme, „Setz dich, wie schön, dass du da bist.“ Auf dem Grabstein steht:

Precious Memories of F. J. H.
12. December 2012 – 15. November 2013
Aged 11 month
Our little Angel, a Bud on Earth
A Flower in Heaven

 Stella erinnert sich an einen Gospel Song von John Rutter „For the beauty of the earth.“ Darin gibt es eine Stelle, die lautet “… flow’s of earth and buds of heav’n. Lord of all, to thee we raise. This our joyful hymn of praise …“ 1) Ein Gänsehautlied. Im April hat sie es im Gospelchor gesungen und war tief berührt. Nie konnte sie mit „buds of heaven“  etwas anfangen, doch nun spürt sie die Bedeutung der Worte tief in ihrem Herzen. Sicher ist es dem lieben Gott völlig egal, ob man eine Knospe auf Erden war und eine Blume im Himmel oder umgekehrt. Beides klingt gut, ordnet Stella ihre Gedanken.

Auf Francis Grab liegen Geschenke. Ein umgefallener rosa Plüschhase mit langen Ohren, eine orientalische weiße Laterne, ein Engel, ein Leuchtturm und jede Menge tiefgefrorener Blumen, die man ihr sicher zum Todestag niedergelegt hat. Nicht einmal ihren ersten Geburtstag konnte das kleine Wesen feiern. Dieser Gedanke macht Stella traurig. Doch sie hat einen schönen Platz in der Morgensonne unter einem meterhohen Lebensbaum gefunden. Dies scheint ein ganz besonderer Platz, findet Stella und setzt den Hasen wieder gerade in den Schnee. Seine steifgefrorenen Ohren hängen ihm tief ins Gesicht. Elf Monate hat sie ihre Eltern glücklich gemacht. Ob diese Zeit wohl ausreicht seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Elf Monate. Wie mag das Weihnachtsfest für ihre Eltern wohl gewesen sein. Das Kommende wird nicht anders werden. Mit Trauer, Kummer und Schmerz übersäht.

Viele Menschen hoffen jeden Tag auf ein bisschen Glück, einen Strohhalm in ihrem Leben. Wie oft ist das Glück um uns so nah und wir sehen es nicht, fühlen es nicht. Wir wissen nicht, dass es Glück ist, was wir in diesem Moment erleben. Auf einem Friedhof ist das Glück immer sehr nah, obwohl es gegangen ist. Es scheint mitten unter uns, auf einer grünen Wiese im Sonnenschein, in unseren Erinnerungen.

Stella verabschiedet sich von Francis. Sie muss zum Zug und frühstücken will sie schließlich auch noch. Mit einem sanften Kopfnicken sagt sie „Goodbye“. Sie ist sich sicher, dass dieser kleine Engel eine vielversprechende Knospe auf Erden war und als die Schönste aller Blumen im Himmel erblühen darf. Auch mitten im Winter.

[Franziska von Schleyen, Oktober 2016]

1) „Für die Schönheit dieser Welt – Blumen der Erde und Knospen des Himmels: Unser Herr, zu Dir erheben wir dieses frohe Lied zum Dank…“

Diese Geschichte wurde veröffentlicht im ARS virtuellen Weihnachtskalender 2016

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