Kurzgeschichte – Ein Tag @home

1-13_Fvs_Tag@home_IMG_2343Wenn Bettina den Schulbus betrat, drehten sich alle nach ihr um. Wir nannten sie Bina, diese Abkürzung passte auch viel besser zu ihr, als Bet-tina. Sie war damals schon ein Feger, wenn ich das mal rückblickend betrachte. Ihr Haar wurschtelte sie immer irgendwie zusammen, so dass ihr ein paar blonde Strähnen locker ins Gesicht fielen. Manchmal verfingen sie sich in ihren Lippen, und dann blies sie sie mit einem kräftigen pfhhh… wieder davon. Nicht selten kam es vor, dass ihr die Jungs hinterher geierten, wenn sie sich in ihren hautengen Röhrenjeans durch den Schulbus schlängelte, die sie während des Unterrichts mit Kugelschreiber, meist vor lauter Langeweile, von oben bis unten mit witzigen Sprüchen, Herzchen oder Küsschen bekritzelte. Wir waren Freundinnen. Jeden Tag fuhren wir zusammen in die Realschule, damals ging Bina in die fünfte Klasse und ich in die sechste. Manchmal hat es auch geknallt zwischen uns, doch wir waren meist schnell wieder versöhnt und hielten auch in schwierigen Zeiten zusammen wie Pech und Schwefel. Bina ließ sich nichts gefallen und konterte schlagfertig ohne Umschweife, wobei sie nicht selten eine ziemlich ordinäre Ausdrucksweise hatte. Sätze wie „Fick dich ins Knie“ oder „Kraul dir doch die Eier, Sweetie“ waren bei ihr an der Tagesordnung. Meine Eltern waren von meiner Freundin nicht gerade begeistert, sie passte nicht in ihr christliches Weltbild. Irgendwie war Bina immer so ein bisschen wie das „Tor der Welt“ für mich. Noch heute ertappe ich mich dabei, dass mir ein Schmunzeln übers Gesicht huscht, wenn ich an sie denke. Sie war so total anders als ich.

Als ich mich von meinem Mann trennte, war sie mir eine große Stütze und brachte mich immer dann zum Lachen, wenn es eigentlich nichts zu lachen gab. Sie besaß eine Leichtigkeit, die mir selbst so sehr fehlt. Dafür habe ich sie immer bewundert. Inzwischen sind mehr als zwanzig Jahre vergangen und wir hatten uns aus den Augen verloren, bis vor drei Tagen.

Von dem kleinen Nest, wo ich in einem gediegen Haus und einer eher spießigen Familie groß geworden bin, zog ich nach meiner Scheidung zunächst nach Freiburg. Dort lernte ich Chris, meinen jetzigen Mann, kennen. Chris stammt aus Weymouth, einer englischen Kleinstadt in Devon. Zu dieser Zeit arbeitete er für eine Schweizer Firma, die Aufzüge in irgendwelche Hochhäuser einbaut. Nun ja, wo lernt man so einen Mann kennen? Im Aufzug. Tür auf, Tür zu und schon war es passiert. Ich erinnere mich nur zu gerne an den Moment, als wir uns in dem verspiegelten Kasten gegenüber standen und Chris mich mit seinem lustig klingenden englischen Akzent mit „Oh! Hello. Wissen Sie vielleicht, wo man hier ein Lunch haben kann?“ begrüßte. Kurz darauf saßen wir im Straßencafé um die Ecke und erzählten uns Geschichten, so als würden wir uns bereits ewig kennen. Inzwischen wohnen wir in Lugano und fühlen uns hier sehr wohl. Wenn ich auf der Terrasse unseres Penthouses stehe und über den Lago blicke, der gerade in den Morgenstunden mit einem feenartigen Schleier bedeckt ist, und sich die Sonne hinter den Bergen langsam hervorschiebt, atme ich tief ein und danke dem lieben Gott für so viel Schönheit und Glück. Nicht immer war das Glück in der Vergangenheit an meiner Seite. Doch nun führen Chris und ich ein sehr entspanntes und glückliches Leben: Freunde, Essen, Yoga, Gitarre, Zumba, Ferien…endlich angekommen zu sein fühlte sich irgendwie gut an.

„Hallo, hier ist Bina. Kennst du mich noch?“, dröhnt es durch den Hörer. Ich musste nicht lange überlegen, diese rauchige Stimme katapultierte mich schlagartig in mein altes Leben zurück. Nach ein bisschen Smalltalk und „Weißt du noch…?“ meinte Bina, ich solle sie doch in Freiburg besuchen kommen, sie schmeiße anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages eine Party. Ich weiß auch nicht warum, aber sie hatte mich mit ihrem Geplapper ziemlich schnell überredet, ja zu sagen. Chris wollte lieber zu Hause bei „Lilli“ unserem Riesenschnauzer bleiben. Sie war inzwischen ein altes Mädchen, das sich am wohlsten zu Hause fühlte.

Zwei Wochen später saß ich im Auto unterwegs Richtung Wolfenweiler. Dem Nest, in dem ich geboren wurde. Nun war ich 51 Jahre alt und konnte mich nicht erinnern, wann ich einmal alleine in einem Hotelzimmer geschlafen, geschweige denn, morgens alleine gefrühstückt hätte. Und wie, um Himmels Willen, sollte ich mit dem Wagen in die Parklücke der Hotelgarage kommen. Im Geiste sah ich mich bereits kurbelnd vorwärts und rückwärts in dieses enge Loch einparken, während alle anderen drum herum standen, schallend lachten und am Ende noch Beifall klatschten. Doch meine Besorgnis war völlig unbegründet. Irgendjemand schien mir einen Straight-on-Parkplatz freigehalten zu haben. Diese Hürde war schon mal geschafft. Keiner hat mich beobachtet, höchstens die Hotelkamera. Wie ich da jemals wieder herauskäme, würde sich noch zeigen. Bleib entspannt, dachte ich mir.

Mein gebuchtes Hotelzimmer im Design Hotel „Palmengarten“ in Freiburg, für immerhin 120 Euro pro Nacht inklusive Frühstück, hatte wenig von den vier angekündigten Sternen. Ein Neunzig-Zentimeter-Bett in eine Ecke gequetscht, Tisch, Stuhl, Fenster – fertig. Auch der „Warhol“ an der Wand konnte das Zimmer nicht mehr retten. Im Bad nur eiskaltes Wasser. Das war nicht gerade mein gewohnter Standard und ich wäre am liebsten wieder abgereist. Doch meine Beschwerde bei dem netten blonden Schweden am Empfang führte ins Nichts. Umziehen in ein anderes Hotel konnte ich auch nicht, da ganz Freiburg ausgebucht war und ich froh sein konnte, überhaupt ein Zimmer bekommen zu haben. Als Entschädigung ließ mir der nette Schwede einen Kaffee mit einem Stück frischen Apfelkuchen aufs Zimmer bringen. So legte ich mich aufs Bett und versuchte mein ungewohntes Alleinsein zu genießen. Um 19 Uhr bestellte ich ein Taxi. Frisch gebügelt und erholt fuhr ich ins Dorfgemeinschafthaus nach Wolfenweiler, wo die Party stattfinden sollte. Ich trug mein neues Outfit, eine schwarze Leinen-Schlabberhose, mit einem raffinierten Stricküberwurf um die Hüften, einer sandfarbenen, ebenso schlabbrigen Leinenjacke und ein lindgrünes Seidenshirt. Ob ich richtig angezogen war für diesen Anlass?

„Atemlos durch die Nacht…“ empfing mich Helene Fischer am Eingang. Na, das konnte ja eine wahrhaft atemlose Party werden. Langsam füllte sich die Halle, die wie an einem Kindergeburtstag mit hunderten Luftballons an der Decke regelrecht zum Aufmarsch blies. Bina hatte mir bereits am Telefon erzählt, sie habe rund hundert Freunde eingeladen. Hundert Freunde, woher kennt sie die nur alle, fragte ich mich. Ich nahm mir einen Drink vom Tablett und suchte mir zunächst einen Platz in einer Ecke, von wo aus ich alles im Blick hatte. Etwas nervös war ich schon, aber auch irgendwie stolz, es bis hierher alleine geschafft zu haben. An der Bar entdeckte ich Bina, die mit ein paar Männern ihres Alters schäkerte, so wie immer eben. Es schien sich nichts geändert zu haben. Ihre Figur hatte sich über die letzten dreißig Jahre zu einem Helft-mir-ich-platze-aus-allen-Nähten-Körper entwickelt, dicker Busen, dicker Bauch, schlanke Beine. Das alles war in ein getigertes Outfit gepackt, wobei ihr Po nur knapp bedeckt war und schwarze Leggins ihr Geburtstagserscheinungsbild grandios abrundeten. Ihr blondes Haar hatte inzwischen Strähnen von Grau, sie trug es kürzer, zu einem Bob geschnitten. Die Frisur stand ihr gut, wie ich fand.

Als sie mich erblickte, kam sie auf mich zugestürmt, umarmte mich und freute sich total, mich wiederzusehen. „Komm“, sagte sie und zerrte mich am Arm, „ich muss dir ein paar Leute vorstellen, damit du nicht so alleine bist heute Abend“. So lernte ich Gitti mit ihrem Mann Thomas kennen und Andrea mit ihrem Mann Steffen. Wir verstanden uns gut, es wurde gelacht, getrunken und getanzt. Ich liebe Tanzen, meine Welt gehört dem Tanz. Bauchtanz war mein Favorit. Jahrelang habe ich Bauchtanz unterrichtet und bei Freunden auf Partys getanzt. Musik und Tanz bilden für mich eine Einheit in der ich mich völlig verlieren kann. Doch eine kurze Ansprache zu halten, wie etwa an meinem fünfzigsten Geburtstag. Unmöglich. Eher wäre ich gestorben.

Einer von Binas Freunden war Metzger und hatte das Büffet mit allerlei badischen Leckereien bestückt. So war von Melonenschiffchen mit Schwarzwälder Schinken, Wurstsalat, Bibiliskäs, Maultaschen, Kalbsbratwürste, geröstete Leberle, Brägele, und einem besonders köstlichen Himbeertraum alles dabei, was von echtem guten badischen Geschmack zeugte. Gegen 23 Uhr starteten gewisse Party-Spielchen, während sich die Gesellschaft weiterhin von Schnaps und Pflümli ernährte. Mir grauste schon, als ein Stuhl in die Mitte gestellt wurde. Vorsichtig versteckte ich mich hinter den größeren Gästen, falls jemand auf die Idee kommen sollte, mich auf die Bühne zu zerren. Für derartigen Humor war ich einfach nicht zu haben. Bina nahm auf dem Stuhl Platz, als eine ihrer Freundinnen ihr ein Päckchen reichte, in dem ein weiteres steckte. Voller Spannung entblätterte Bina das erste Päckchen, aus dem sie einen pinkfarbenen Spitzenstring fischte. Sie ließ ihn zwischen zwei Fingern raffiniert hin und her schaukeln, bevor sie ihn lässig ins Publikum schnippte. Der DJ ließ einen Tusch ertönen: Eins, zwei, drei – das war einmal, nun ist‘s vorbei. Ob das eine Anspielung auf ihr Alter sein sollte? Vielleicht meinte er aber auch, dass man mit fünfzig keinen String mehr tragen sollte? Aus dem zweiten Päckchen zauberte sie einen Liebestöter hervor. Bina hatte überhaupt keine Hemmungen, das Ding über ihre schwarzen Leggins zu streifen, sich auf den Stuhl zu stellen, ihr getigertes Oberteil hochzuheben und sich wie eine Striptease-Tänzerin auf dem Stuhl hin und her zu tänzeln. Dabei brüllte sie durch den „You can leave your heat on“-Sound: „Die brauch ich, wenn ich an der Muschi frier.“ Mir stockte der Atem. Bina war noch genauso unerschrocken, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie arbeitete nun seit Jahren in einer urologischen Praxis. Vielleicht hatte das ihr ohnehin schon vulgäres Potenzial noch wesentlich weiterentwickelt. Der Saal grölte und jaulte. Gegen 24 Uhr hatte ich genug von allem und fuhr mit dem Taxi zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen frühstückte ich völlig entspannt und ausgeschlafen im Wintergarten des Hotels. Mit einer Tasse duftenden Kaffee in der Hand, blinzelten mich ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen an. Ich schloss die Augen, atmete tief ein, reckte mein Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen und ließ den gestrigen Abend noch einmal an mir vorüber ziehen.

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Mein Auto manövrierte ich im Übrigen völlig ohne Probleme rückwärts aus der Garage. „Well done girl“, dachte ich und schlug mir im Geiste auf die Schulter. Als ich über die A 5 Richtung Basel, zurück in mein kleines Paradies fuhr, wusste ich, alles war gut, so wie es war. Irgendwie war ich stolz auf mich.

August 2015, Franziska von Schleyen

 

 

 

 

 

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